Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning, ist wegen des Verdachts auf Spionage und Landesverrat festgenommen worden. Der 80-Jährige wurde am 6. Oktober 2026 in seinem Haus festgenommen. Einen Tag später wurde nach einer Anhörung beim Bundesgerichtshof Haft angeordnet. Im Zusammenhang mit denselben Ermittlungen wurde auch sein ehemaliger Büroleiter Manfred D. festgenommen.
Die Bundesanwaltschaft wirft Hanning unter anderem geheimdienstliche Agententätigkeit im Zusammenhang mit Landesverrat, das Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchten Landesverrat sowie die Tätigkeit für einen ausländischen Nachrichtendienst vor. Manfred D. soll ihn bei diesen Straftaten unterstützt haben.

Hanning weist die Vorwürfe zurück. Sein Anwalt Leon Kruse erklärte, sein Mandant räume zwar ein, geheime Dokumente besessen zu haben. Er bestreite jedoch, diese zum Nachteil Deutschlands oder gegen Bezahlung an ausländische Akteure weitergegeben zu haben.
Spionageverdacht: Rund 2.000 Geheimdokumente sollen weitergegeben worden sein
Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft sollen Hanning und Manfred D. bereits im Jahr 2010 eine Vereinbarung getroffen haben. Manfred D. soll gegen Bezahlung regelmäßig Informationen aus dem BND an seinen früheren Vorgesetzten weitergegeben haben.
Im Laufe der Jahre sollen auf diese Weise rund 2.000 Dokumente übermittelt worden sein. Ein erheblicher Teil davon war als geheim eingestuft. Die Unterlagen sollen unter anderem für Lagebesprechungen und nachrichtendienstliche Bewertungen der BND-Führung bestimmt gewesen sein.
Den Ermittlungen zufolge enthielten die Dokumente Informationen über das iranische Atomprogramm, das russische Militär und den Krieg in der Ukraine. Auch Erkenntnisse ausländischer Partnerdienste sollen darunter gewesen sein. Die jüngsten Dokumente sollen aus dem Juni 2022 stammen.
Hanning soll die Informationen für seine private Beratungstätigkeit genutzt und in mindestens einem Fall eine Analyse für einen ausländischen Geheimdienstmitarbeiter erstellt haben. Ob diese Analyse tatsächlich an den mutmaßlichen Empfänger weitergegeben wurde, ist bislang unklar.
Darüber hinaus vermutet die Bundesanwaltschaft, dass Hanning über Jahre hinweg intensive Kontakte zu einem weiteren ausländischen Geheimdienstmitarbeiter unterhielt. Welche Nachrichtendienste konkret betroffen sein könnten, wurde offiziell nicht bekannt gegeben.
Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel führen mögliche Spuren nach Aserbaidschan und China. In diesem Zusammenhang wird auch ein Kontakt zu dem pensionierten chinesischen Generalmajor Wang Jianzheng genannt. Die aserbaidschanische Regierung wies mögliche Verbindungen als unbegründet zurück.
Wie die Ermittlungen gegen den ehemaligen BND-Präsidenten begannen
Aufmerksam wurden die Ermittler offenbar im September 2025. Damals durchsuchte die Hamburger Polizei im Rahmen von Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Sorgerechtsstreit und der mutmaßlichen Entführung der Kinder der Unternehmerin Christina Block das Haus und die Büroräume Hannings.
Bei der Durchsuchung wurde ein elektronischer Datenträger mit als streng geheim eingestuften BND-Unterlagen aus jüngerer Zeit sichergestellt. Der Fall wurde anschließend an die Bundesanwaltschaft übergeben. Im Mai 2026 sollen die Ermittler ein geheimes Ermittlungsverfahren eingeleitet haben.
August Hanning leitete den Bundesnachrichtendienst von 1998 bis 2005. Anschließend war er als Staatssekretär im Bundesinnenministerium tätig. Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst wechselte er in die Privatwirtschaft und arbeitete im Bereich Sicherheitsberatung.
Manfred D. blieb dagegen auch nach Hannings Ausscheiden beim BND. Nach Angaben des Spiegel war er von 2012 bis März 2026 in den Büros späterer BND-Präsidenten tätig.
Das Magazin berichtete außerdem, der BND könnte Nebentätigkeiten von Manfred D. für seinen früheren Vorgesetzten offiziell genehmigt haben. Der Nachrichtendienst bestätigte oder dementierte diese Darstellung bislang nicht.
Geheimnisverrat könnte das Vertrauen internationaler Partner gefährden
Der Fall wirft nicht nur Fragen zum Schutz deutscher Staatsgeheimnisse auf. Da einige der mutmaßlich weitergegebenen Dokumente Informationen aus den Nachrichtendiensten der USA und anderer Verbündeter enthalten haben sollen, steht auch die internationale Zusammenarbeit im Fokus.
In europäischen Geheimdienstkreisen wächst die Sorge, dass ausländische Partner ihre Informationsweitergabe an Deutschland überprüfen könnten. Ein möglicher Geheimnisverrat könnte das Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden erheblich beeinträchtigen.
Der BND untersucht nach den vorliegenden Angaben mögliche Schäden und steht mit seinen Partnerdiensten in Kontakt.
Auch das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr) des Deutschen Bundestages reagierte mit großer Besorgnis auf die Vorwürfe. Es leitete einen außerordentlichen Kontrollprozess ein, um den Sachverhalt näher zu untersuchen.
BND-Skandal: Ermittlungen gegen ehemalige Geheimdienstspitze dauern an
Der Fall August Hanning stellt den Bundesnachrichtendienst vor eine erhebliche Herausforderung. Im Mittelpunkt stehen der Schutz vertraulicher Informationen, die Kontrolle ehemaliger Führungskräfte und die Frage, unter welchen Bedingungen frühere Geheimdienstmitarbeiter nach ihrem Ausscheiden beratend tätig werden dürfen.
Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, könnte der Fall weitreichende Folgen für die Sicherheitsstrukturen Deutschlands und das Vertrauen internationaler Partner haben.
Die Ermittlungen dauern an. Ob und in welchem Umfang geheime Informationen tatsächlich an ausländische Nachrichtendienste weitergegeben wurden, muss im weiteren Verfahren geklärt werden. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für die Beschuldigten die Unschuldsvermutung.