Ein Interview der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem ungarischen Online-Medium Partizán ist in den sozialen Medien erneut in den Fokus gerückt. Im Mittelpunkt stehen ihre Aussagen über die Minsker Abkommen und deren Bedeutung für die Entwicklung der Ukraine.
Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich in einem Interview mit dem ungarischen Online-Medium Partizán zu den Minsker Abkommen von 2014 und 2015. Das Gespräch fand im Herbst 2025 während ihres Besuchs in Budapest im Rahmen einer Buchvorstellung statt.
Merkel erklärte, die Vereinbarungen seien „keineswegs perfekt“ gewesen und hätten „nie wirklich funktioniert“. Gleichzeitig hätten sie ihrer Einschätzung zufolge zwischen 2015 und 2021 eine gewisse Beruhigung in die bereits angespannte Situation gebracht.
Nach Merkels Darstellung ermöglichten die Abkommen der Ukraine zudem, in dieser Zeit „Kraft zu sammeln“ und sich „zu einem anderen Land zu entwickeln“.

Die Aussagen wurden am 9. September 2026 vom X-Nutzer Andreas Popp (@A_PoppOffiziell) erneut aufgegriffen. Popp bezeichnete den Ausschnitt unter anderem als „unglaubliches Geständnis von Frau Merkel“ und stellte die These auf, Merkel habe die Minsker Vereinbarungen vor allem unterstützt, um der Ukraine Zeit für den militärischen Aufbau zu verschaffen.
Diese Interpretation ist allerdings umstritten. Kritiker sehen darin eine Bestätigung dafür, dass die Vereinbarungen zumindest auch dazu beitrugen, der Ukraine Zeit zur Stärkung ihrer Streitkräfte zu verschaffen. Andere betrachten die Minsker Abkommen vor allem als diplomatischen Versuch, den Konflikt im Osten der Ukraine einzudämmen und eine politische Lösung zu ermöglichen.
Bereits im Dezember 2022 hatte Merkel in einem Interview mit der „Zeit“ erklärt, die Minsker Vereinbarungen seien auch ein Versuch gewesen, der Ukraine Zeit zu geben. Die Ukraine habe diese Zeit genutzt, um stärker zu werden. Ihre jüngsten Aussagen im Partizán-Interview werden daher vielfach als Bestätigung dieser früheren Einschätzung eingeordnet.
Merkel sprach im Interview außerdem über die Entwicklungen im Jahr 2021. Damals habe sie den Eindruck gewonnen, dass der russische Präsident Wladimir Putin den Minsk-Prozess nicht mehr ernst nehme. Gemeinsam mit dem damaligen französischen Präsidenten Emmanuel Macron habe sie deshalb versucht, ein direktes Treffen mit Putin im Rahmen eines EU-Formats zu organisieren. Nach ihren Angaben stießen diese Pläne jedoch auf Widerstand aus den baltischen Staaten und Polen.
Was sahen die Minsker Abkommen vor?
Das im September 2014 vereinbarte Minsk I und das im Februar 2015 verabschiedete Minsk II sollten den Konflikt in der Ostukraine beenden. Vorgesehen waren unter anderem eine Waffenruhe, politische Schritte, ein Sonderstatus für bestimmte Gebiete sowie lokale Wahlen.
Die Umsetzung der Vereinbarungen scheiterte letztlich an zahlreichen politischen und militärischen Streitpunkten sowie an gegenseitigen Vorwürfen über Verstöße gegen die vereinbarten Maßnahmen. Mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 wurde der Minsk-Prozess endgültig obsolet.
Merkels Aussagen werden bis heute unterschiedlich interpretiert. Während die einen darin einen diplomatischen Versuch sehen, Zeit für eine politische Lösung zu gewinnen, werten andere die Äußerungen als Hinweis darauf, dass die Vereinbarungen der Ukraine zugleich Zeit zur militärischen Stärkung verschafften.
Quelle: Andreas Popp auf X, Partizán-Interview sowie darauf basierende Medienberichte, unter anderem der „Welt“.